dinsdag 14 april 2009

Ich befehle dir, reich zo werden

“Ich bin dein Herr und darf dir wohl befehlen! Und ich befehle dir, reich zo werden! Besorge alles, wie es sich gehört! Kümmere dich darum, daβ alles Notwendige hingebracht wird! Dort, in diesem Hause, wirst du wohnen! Für dich ist’s groβ genug! – Schweig!”
Der Graf unterbrach sich, um Atem zu holen, dann aber schreit er, aufstampfend, noch lauter:
“Was ist das für ein Gesicht, das du da schneidest?! Ich befehle dir, dich zu freuen! – Schweig!”
Nach einer Pause:
“Nun geh!”
Wladislav war regungslos dagestanden und hatte mit ziellosem Blick in die Luft geschaut; nun schwerfällig sich zum Gehen wendend, biegt er den Kopf nach unten, und während sich sein Mund breit zu einem höhnischen Lächeln verzog, übergieβt er von oben herab den Grafen mit Blicken einer stummen, doch unsäglich tiefen Verachtung, die wohl ihm selbst zu tief erschien, als daβ er nur hätte versuchen sollen, sie mit Worten auszudrücken. Der Graf hält ihn noch auf und ruft:
“Glaub nicht, es bliebe dir erspart, mir Diener zu sein! Auf deinem eigenen Hofe faul zu sitzen das würde dir gefallen! Teil deine Zeit und deine Arbeit – Wer würde mich bedienen? Mich ankleiden? Mich zur Jagd begleiten? Erfüll deine Pflicht und wehe dir! finde ich nicht alles so, wie sich’s gehört!” – Der Graf keuchte vor Wut bei diesen letzten Worten.
“Nun geh!”
Wladislav ging.
Graf Wratislav blieb stehen, in Haltung und Gesich noch alle Merkmale der Empörung, doch horchte er, und kaum waren des Dieners letzte Schritte verhallt, als die lebhaftest Bewegung seinen Körper verwandelte und er hinaus- und über die Stufen springend, auf den Hof stürzte, um dort Befehle in die Luft zu schreien: und es liefen die Kinder, um von den Feldern die Männer zu holen, und aus den Hütten kamen die Frauen. Für jede hatte er eine Weisung: die eine verschwand im Stall, die andere in der Scheune und jene im Keller; die einen kamen, die anderen liefen; es ging kreuz und quer, wie bei einer Feuersbrunst lief alles durcheinander, und als noch die Männer von der Arbeit kamen, erhöhte sich das Chaos. Wratislav stand festgewurzelt und lenkte unermüdlich die Bewegung. Als erste verlieβen, Pflöcke auf den Schultern, etwa dreiβig Männer den Hof, nach Westen sich strahlenförmig verbreitend. Aus dem Hause trug man Kästen und Tische, aus dem Stalle trieb man Vieh; von einer hohen Scheune wurden Säcke geworfen, von irgendwo Krüge, Teller und Küchengerät herbeigeholt, aus den Schuppen Pflüge und Wagen gezogen. Dies alles auf den Hof getragen und geführt, war dieser bald erfüllt mit Gegenständen, Tieren und Menschen. In der Mitte, auf einem Wagen, stand Graf Wratislav, ein glücklicher Triumphator, und übersah prüfend diesen Wirrwarr.
Die Wolken waren verflogen, die Landschaft war erhellt. Wladislav war durch die Wälder gegangen, und nun ins freie Land tretend, setzte er sich ermüdet auf einem der Pflöcke, die, frisch in die Erde gerammt, ohne daβ er es wuβte, sein neues Besitztum begrenzten. Aus starrem Nachdenken erwachend, hörte er Lärm, wandte sich nach dem Hofe und sah einem Zug von Wagen, Menschen und Tieren sich ihm nähern. Er blieb sitzen und lieβ ihn an sich vorbeigehen, überhörte alle Zurufe und starrte nur wortlos auf diese Völkerwanderung: eine Schafherde, Pflüge, Ochsen, Pferde, dann viele Wagen, beladen mit allem Hausrat und Feldgerät, Frauen, Körbe und Eimer tragend, Karren, von Männern geschleppt oder geschoben, und wieder Wagen mit Geschirr und Krügen, Frauen mit Kleidern, Männer mit Sätteln auf den Schultern und wieder brüllendes Vieh und knarrende Wagen. Alles wurde an seiner Stelle untergebracht. Fehlte etwas irgendwo, war es bald in Ordnung gestellt. Am Abend war das Haus bereit zu Wladislavs Empfang. Zwölf Mädchen traten vor, um ihn mit Tanz zu feiern, zwölf Männer sangen einen Chor. Wladislav blieb unbewegt. Dann waren alle verschwunden.

uit: Legende - Paul Kornfeld

____